Glück findet man oftmals wenn man nicht danach sucht

Wenn etwas fehlt, ohne dass man sagen kann, was
Viele Menschen beginnen eine Therapie oder eine innere Suche nicht, weil sie ein konkretes Ziel verfolgen, sondern weil etwas fehlt. Oft ist es schwer zu benennen, was genau. Es ist weniger ein Mangel an Erfolg oder Leistung als ein Gefühl von Abgeschnittensein – von sich selbst, von anderen, vom Leben.

In diesem Zustand taucht fast unweigerlich eine leise, manchmal beschämende Frage auf: Warum scheint anderen das Leben gelegentlich entgegenzukommen, während bei mir alles stillsteht?

Glück als Nebenwirkung von Kontakt
Vielleicht hilft es, Glück nicht als Ziel zu betrachten, sondern als etwas, das manchmal geschieht, wenn ein Mensch wieder in Kontakt kommt. Nicht als Belohnung, nicht als Beweis dafür, dass etwas „richtig“ läuft, sondern als Nebenwirkung von Beteiligung. Für solche Momente gibt es ein Wort: Serendipität.

Serendipität beschreibt Erfahrungen, in denen etwas Wertvolles auftaucht, ohne dass wir danach gesucht haben. Nicht spektakulär, nicht dauerhaft, oft sogar unscheinbar. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben, denselben Zufall, denselben Moment – und nur einer spürt plötzlich eine Bedeutung. Nicht, weil dieser Mensch mehr Glück hat, sondern weil innerlich gerade etwas offen ist.

Wenn sich der Möglichkeitsraum verengt
In psychischen Krisen oder Depressionen wirkt diese Offenheit oft verschlossen. Das ist kein Versagen, sondern ein Zustand. Der innere Raum wird enger, Gedanken kreisen, Zukunft erscheint flach oder bedrohlich. In solchen Phasen fühlt sich Aktivität sinnlos an. „Es bringt ja doch nichts“ ist kein Gedanke, sondern ein Erleben.

Therapeutisch geht es dann nicht darum, Glück herzustellen. Es geht auch nicht darum, möglichst aktiv zu sein oder positiv zu denken. Vielmehr geht es darum, den Möglichkeitsraum minimal zu erweitern. Bewegung – innerlich oder äusserlich – verändert keine Ergebnisse, aber sie verändert Bedingungen. Wer sich kaum bewegt, begegnet auch kaum etwas. Nicht aus Schuld, sondern aus Logik.

Kleine Bewegung statt grosser Versprechen
Schon kleine, stimmige Handlungen schaffen neue Situationen. Ein anderer Weg, ein anderes Gespräch, ein anderes Buch. Nicht als Strategie, sondern als leise Öffnung. Serendipität entsteht nicht aus Anstrengung, sondern aus dem Umstand, dass wieder etwas passieren darf.

Wahrnehmen, was sonst untergeht
Eine wichtige Rolle spielt dabei Achtsamkeit, allerdings nicht in dem Sinne, wie sie oft vermarktet wird. Achtsamkeit ist keine Technik, um sich besser zu fühlen. Sie ist eher die Fähigkeit, einen kleinen Abstand zwischen sich und dem Erleben entstehen zu lassen. Gedanken werden nicht sofort geglaubt, Gefühle nicht sofort bekämpft. Es entsteht ein Moment von Wahrnehmung.

Dieser Moment macht nicht mehr Zufälle möglich, aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit, etwas zu bemerken, das sonst untergeht. In der Depression ist diese Wahrnehmung oft verengt. Alles fühlt sich gleich an, grau, bedeutungslos. Wenn sich das minimal lockert, tauchen manchmal kleine Dinge auf. Ein Satz, der hängen bleibt. Ein Moment von Interesse. Ein kurzer Kontakt. Nichts Weltbewegendes. Aber etwas, das nicht ganz tot wirkt.

Nicht erzwingen, nicht aufgeben
Meditation und Konzepte wie das daoistische Wu Wei werden in diesem Zusammenhang oft missverstanden. Es geht nicht um Passivität, nicht um Rückzug aus dem Leben, nicht um spirituelles Wegschweben. Im Gegenteil. Wu Wei meint ein Handeln ohne inneren Kampf. Ein Mitgehen mit dem, was gerade möglich ist, statt sich ständig gegen sich selbst zu stemmen.

In der Therapie bedeutet das oft, weniger zu erzwingen. Kleinere Schritte zuzulassen. Nicht sofort wissen zu müssen, wohin etwas führt. Serendipität lässt sich nicht planen. Sie verschwindet, sobald man sie erzwingen will. Aber sie taucht manchmal auf, wenn der innere Druck nachlässt.

Warum Kinder manchmal mehr sehen
Manche Menschen beobachten, dass Kinder scheinbar häufiger solche Momente erleben. Kinder sind weniger zielorientiert, weniger effizient, weniger verengt. Sie spielen, sie erkunden, sie lassen sich überraschen. Der bekannte Satz „Werdet wie die Kinder“ meint nicht, unreif zu werden oder Verantwortung abzugeben. Er beschreibt eine Haltung von Unverstelltheit.

Die reife Form der Offenheit
Erwachsene verlieren diese Haltung nicht, weil sie falsch leben, sondern weil sie funktionieren müssen. Reife bringt Struktur, aber oft auch Härte. Die reife Form von Serendipität besteht nicht darin, zur Kindlichkeit zurückzukehren, sondern Offenheit und Erfahrung miteinander zu verbinden. Staunen ohne Naivität. Bewegung ohne Zwang.

Wenn das Leben gelegentlich antwortet
In diesem Sinne ist Serendipität kein Ziel der Therapie. Sie ist auch kein Massstab für Fortschritt. Aber manchmal ist sie ein leises Zeichen dafür, dass wieder etwas in Beziehung tritt. Dass der Mensch nicht nur überlebt, sondern gelegentlich berührt wird.

Man kann Glück nicht machen. Man kann es nicht herbeiführen, nicht verdienen, nicht festhalten. Aber man kann dem Leben wieder ein Stück näherkommen. Und manchmal, ganz nebenbei, antwortet es.

Das genügt.

Weiter
Weiter

Warum manche Menschen am Drama festhalten – und gleichzeitig darunter leiden